Psychiatrische Diagnosen: Verrückt und machtlos?

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Wieso werden psychische Erkrankungen immer öfter als etwas rein Biologisches angesehen, als ein krankes Gehirn, als etwas komplett Unkontrollierbares?

Und das obwohl in Fachkreisen ein biopsychosoziales Modell (also eine ganzheitliche Betrachtungsweise der Gesundheit) längst etabliert ist.

 

Die Bedeutung von psychischen Krisen

Kann es nicht sein, dass der Körper uns mit depressiven Symptomen ein Zeichen geben will? Einen Hinweis darauf, dass wir unser Leben nicht so führen, wie wir es eigentlich führen sollten? Oder wie es besser zu uns passen würde?

Vielleicht leben wir im Grunde für jemand anderen: Für die Familie, für das gute Einkommen, für die Karriere, für den guten Ruf?

Was, wenn jemand als introvertierter Mensch in einem extrovertierten Beruf als Verkäufer fest sitzt und seine Kreativität nicht ausleben kann? Oder eine extrovertierte Person sich zum Buchhalter ausbilden lässt, weil das vom Umfeld empfohlen wurde und sich anschließend langweilt und ihre Kommunikationsstärke nicht einsetzen kann?

Wenn jemand tagein, tagaus Überstunden macht, damit er sich ein besseres Auto leisten kann?

Wenn der Lebensstil, den wir führen, weder zu unserer Persönlichkeit, noch zu unseren Wünschen passt, fühlen wir uns mit der Zeit nur noch müde, lustlos und antriebslos – ausgebrannt.

Zu müde und schwer, um etwas zu ändern, aber zu unglücklich, um weiterzumachen wie bisher.

Die Depression kann uns regelrecht zwingen eine Pause einzulegen, Dinge zu ändern, wieder auf unsere Intuition zu hören und auf uns zu achten.

Ein anderes Beispiel:

Wenn wir eine lange Zeit lang jeden Tag unter Druck stehen, kann eines Tages eine Panikattacke „aus heiterem Himmel“ auftreten. Solche Angstattacken und die entsprechenden körperlichen Symptome treten oft ungefähr sechs Monate nach belastenden Ereignissen auf (Quelle: Wenn plötzlich die Angst kommt von Roger Baker).

Auch Ängste und Panikattacken sind also nicht zwangsläufig ein Hinweis auf ein „kaputtes Gehirn“ beziehungsweise einen Serotoninmangel.

Viele Diagnosen und Definitionen von psychischen Erkrankungen klingen in meinen Ohren wie ein Statement völliger Machtlosigkeit für die Patienten:

Kann ich denn als Patient irgendetwas tun (außer mein Leben lang Medikamente einzunehmen), wenn mir ein Neurotransmitter wie Serotonin fehlt?

Ich kann mich anstrengend so gut ich will, ich bin psychisch krank, die Tabletten müssen das Ungleichgewicht wieder ausgleichen.

Ganz so einfach ist es aber nicht.

Ich bin gegen die Stigmatisierung von psychischen Auffälligkeiten und ich finde, dass psychische Probleme genauso ernst genommen werden sollten, wie körperliche Erkrankungen.

Und es entspricht der Wahrheit, dass man sich als Patient ab einem gewissen Grad nicht mehr „zusammenreißen“ kann und dass Ratschläge in diese Richtung mehr schaden, als sie helfen: Denn dann kommen zu dem Gefühl der Hilflosigkeit auch Schuldgefühle hinzu, ebenso wie Scham und Verzweiflung.

Man vergleicht sich mit anderen Personen, die ihr Leben scheinbar „besser auf die Reihe bekommen“, man fühlt sich wie ein Versager und man sieht keinen Ausweg mehr.

Es ist also durchaus etwas, was ernst genommen werden muss.

Und natürlich erleichtern Diagnosen die Arbeit in Kliniken, denn sie sind eine einheitliche Sprache unter den Behandlern, welche es ermöglicht, Patienten in eine bestimmte Richtung zuzuordnen, um ihnen auf die individuell beste Art und Weise helfen zu können.

 

Ich bin als Patient nicht machtlos

Es geht mir bei dieser Kritik also eher darum, die Neuroplastizität des Gehirns nicht aus den Augen zu verlieren (und somit die Selbsthilfemöglichkeiten der Betroffenen):

Die Tatsache, dass sich unser Gehirn mit all seinen Molekülen und neurologischen Verbindungen ständig verändern kann – in die eine, wie auch in die andere Richtung.

Panikattacken, Zwangsgedanken, Schlafstörungen und sogar das Hören von Stimmen scheinen manchmal aus dem Nichts zu kommen und plötzlich in unserem Leben aufzutauchen. Doch wie auch beim Burnout geht diesen Symptomen oftmals eine lange permanente Anspannung voraus.

Und zwar nicht nur in beruflicher Hinsicht.

Es kann sich um die Anspannung einer jungen Mutter handeln, die bei ihrem ersten Kind alles richtig machen möchte, eines jungen Vaters, der nun alleine das Einkommen der Familie sichern muss, einer Frau in einer instabilen Beziehung, die sich oftmals fragt, ob ihr Partner treu ist, eines schüchternen Schülers, der täglich versucht, sich anzupassen und dazuzugehören, einer Person, die wegen der wirtschaftlichen Lage um ihren Job bangt und so weiter.

Hinzu kommen die vielen persönlichen Schicksale und Tragödien:

Der Verlust uns nahe stehender Menschen (egal ob durch Tod oder Trennung), schwere körperliche Krankheiten/ Beeinträchtigungen, plötzliche Änderungen in unserem Leben auf die wir nicht vorbereitet waren, Übergangsphasen mit Zukunfts- oder Existenzängsten, Gewalttaten oder Naturkatastrophen.

Das Leben hat viele Schattenseiten.

Doch für mich ist das Reagieren darauf menschlich und normal.

Natürlich ist das nicht immer schön und schon gar nicht einfach.

Und der Weg zurück zur Gesundheit ist für alle Betroffenen schwer, lang, dunkel, beängstigend und teilweise unberechenbar.

Oft geht man zwei Schritte nach vorne und einen wieder zurück.

Wenn man jedoch den Entschluss gefasst hat, sein Bestes zu geben und sich entsprechende Hilfe zu holen, ist bei jeder Diagnose vieles möglich, um die Lebensqualität zu verbessern und gesund zu werden.

Nicht jeder muss sich dafür entscheiden, aber es ist wichtig zu wissen, dass es auch ohne Medikamente durchaus möglich ist.

Diese Tatsache geht heute manchmal unter.

Wenn es um psychische Diagnosen oder – nicht so schön formuliert – psychische Störungen geht, reißen viele Personen die Augen weit auf, schütteln den Kopf und flüstern: Der hat ein psychisches Problem!

Man hat Angst vor den Betroffenen, möchte nicht so werden wie diese, distanziert sich, spricht hinter deren Rücken über sie und verurteilt.

Wenn man aber nachfragt, finden sich immer Gründe für die aktuellen Probleme: Ob in der Kindheit oder in der jüngeren Vergangenheit.

Ereignisse, die passiert sind, an welche man sich nicht anpassen konnte, die überfordert haben.

Wenn ich erst einmal die Geschichten der Betroffenen höre, denke ich mir meist: „Naja, es ist kein Wunder, dass es der Person so geht! Es wäre bei den meisten anderen auch so.

Ich wünsche mir mehr Verständnis und mehr Einfühlungsvermögen in unserer individualisierten Gesellschaft und außerdem viel mehr Glauben an die eigene Macht beim Wieder-Gesund-Werden.

So lange man sein Leben Schritt für Schritt wieder aufzubauen versucht und die Hoffnung nicht aufgibt, ist so vieles möglich.

Wie ist eure Meinung dazu? Ich freue mich über Kommentare.

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Comments

  1. Bülent Bildirici says

    Hallo!

    Du hast eine tolle Seite mit richtig guten Ideen und Sichtweisen!
    Es tut gut zu lesen,daß ich nicht alleine bin mit meinen kritischen Ansätzen zur biologistischen Psychiatrie.Weiter so!

    Alles Gute,Bülent B.

    • Freigeist says

      Danke Bülent, ich freue mich über dein Feedback und über den Austausch mit Gleichgesinnten! Ich werde mir deine Seite genauer anschauen, sie wirkt interessant! Lg, Moni

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