Das Konsil für evidenzbasierte Psychiatrie hat eine Liste mit 13 unbekannten Fakten über Psychopharmaka erstellt.
Ich habe die Liste für diesen Blogpost ins Deutsche übersetzt.
Derzeit herrscht beim Thema Psychopharmaka noch eine Kluft zwischen den neuesten Forschungsergebnissen sowie Erfahrungsberichten von Betroffenen und dem allgemeinen Glauben in der Öffentlichkeit.
Ich habe vor einiger Zeit Personen aus meinem Bekanntenkreis gefragt, was sie über Psychopharmaka wissen/denken. Fast alle von ihnen schätzten diese als leichte und harmlose Medikamente ein, die „ein kaputtes Gehirn regulieren“.
Außerdem herrscht das Vorurteil, dass nur schwer kranke Personen solche Medikamente verschrieben bekommen. Genauer gesagt solche, die das Bett nicht mehr verlassen können, schreiend durch die Straßen irren oder sich auffällig und bizarr verhalten.
In der Realität können psychische Krisen und Erkrankungen jedoch jeden Menschen im Laufe des Lebens treffen.
Meistens wird darüber noch nicht offen gesprochen, aber es gibt viel mehr Betroffene, als die meisten annehmen.
Darunter auch viele selbstbewusste, erfolgreiche und mit beiden Beinen im Leben stehende Personen.
Und Psychopharmaka werden manchmal sehr schnell verschrieben – zum Beispiel bei kurzfristigen Einschlafproblemen aufgrund einer stressreichen Lebensphase, bei Nervosität und Prüfungsangst oder zur Behandlung von PMS (dem prämenstruellen Syndrom bei Frauen).
Unbekannte Fakten über Psychopharmaka
- aus dem englischen Original
Es gibt keine bekannten biologischen Ursachen für psychiatrische Erkrankungen
Es gibt keine bekannten biologischen Ursachen für psychiatrische Erkrankungen, mit Ausnahme von Demenz und einigen seltenen chromosomalen Krankheiten.
Infolgedessen existieren auch keine biologischen Tests (wie Blutuntersuchungen oder Gehirnscans), die unabhängige und objektive Daten ermöglichen würden, um eine psychiatrische Diagnose unterstützen zu können.
Der Mythos des chemischen Ungleichgewichts
Psychopharmaka wurden Patienten in der Vergangenheit oft auf der Grundlage verschrieben, dass sie ein „chemisches Ungleichgewicht“ im Gehirn heilen würden. (Anmerkung von Moni: Hier fällt oft der Vergleich zu einer Insulinbehandlung und Diabetes!)
Allerdings konnte ein solches chemisches Ungleichgewicht im Zusammenhang mit psychiatrischen Erkrankungen nicht belegt werden.
Es gibt auch keine Methode, um das Vorhandensein oder Fehlen eines solchen chemischen Ungleichgewichtes zu messen.
Dem Diagnosesystem mangelt es an Validität
Psychiatrische Klassifikationssysteme wie das DSM (Diagnostic and Statistical Manual of mental Disorders) und ICD (International Classification of Diseases, Kapitel 5) beruhen nicht auf objektiv wissenschaftlichen Daten, sie sind vielmehr kulturell geprägt, da sie zum größten Teil auf Basis von klinischem Konsens und Abstimmungen entstanden sind.
Ihre Aussagekraft und klinische Anwendbarkeit ist aus diesem Grund höchst fragwürdig, trotzdem haben sie dazu beigetragen, menschliche Erfahrungen in einem großen Ausmaß zu „medikalisieren“.
Psychopharmaka verändern mentale Zustände
Ebenso wie anderen Substanzen, welche sich auf die Gehirnchemie auswirken (wie illegale Drogen), führen Psychopharmaka auch zu veränderten mentalen Zuständen.
Sie können Krankheiten nicht „heilen“ und in vielen Fällen ist ihr Wirkmechanismus noch unbekannt.
Antidepressiva haben keinen Vorteil gegenüber Placebo
Studien haben nachgewiesen, dass Antidepressiva bei der Behandlung von milden bis mittelschweren Depressionen keinen signifikanten klinischen Vorteil gegenüber Placebos haben, während im Fall von schweren Depressionen sich ein gewisser Vorteil zeigte – zumindest kurzfristig.
Kürzlich durchgeführte Studien legen auch die Vermutung nahe, dass Antidepressiva in Zusammenhang mit einer erhöhten Sterblichkeit stehen könnten, vor allem bei älteren Personen.
Schlechtere Resultate auf lange Sicht
Es findet nur wenig Forschung zu den Folgen einer Langzeiteinnahme von Psychopharmaka statt.
Die verfügbaren Studien legen die Vermutung nahe, dass alle Psychopharmaka auf lange Sicht gesehen wenig zusätzlichen Nutzen mit sich bringen und es bei manchen Patienten langfristig zu einer signifikanten Verschlechterung ihres Zustandes kommt.
Langanhaltende negative Effekte
Psychopharmaka können lang anhaltende, negative Auswirkungen auf das Gehirn und das zentrale Nervensystem haben, insbesondere bei einer Langzeiteinnahme. Dies kann zu körperlichen, emotionalen und kognitiven Schwierigkeiten führen.
Aktualisiert: Im August 2017 fand eine Befragung an 2029 Betroffenen aus der ganzen Welt statt. Die Ergebnisse dieser Befragung lauten:
- 65% der Betroffenen berichten, dass sie von ihrem Arzt nicht (oder kaum) über Risiken und Nebenwirkungen der Medikamente aufgeklärt worden sind
- 51% der Betroffenen haben ein Jahr oder länger an Absetzsymptomen gelitten
- Auf einer Skala von 1-10 wurden die negativen Auswirkungen dieser Absetzsymptome auf das Leben mit einem Durchschnitt von 8.59 bewertet
- 27% der Betroffenen können aufgrund der Absetzsymptome nicht arbeiten
- 87% der Betroffenen vertreten die Meinung, dass eine 24-Stunden Hotline zu diesem Thema hilfreich wäre und 94% wünschen sich eine Webseite mit mehr Informationen
Negative Effekte werden oft falsch diagnostiziert
Psychopharmaka können Auswirkungen wie mentale Störungen (einschließlich Selbstmord), Gewaltausbrüche und Entzugserscheinungen haben.
Diese Auswirkungen können als neue psychiatrische Erkrankung fehlinterpretiert werden, für welche wiederum weitere Medikamente verschrieben werden.
Das kann in manchen Fällen zu der Langzeiteinnahme mehrerer Psychopharmaka zur gleichen Zeit führen.
Der Entzug von Psychopharmaka kann sich gravierend auswirken
Der Entzug von Psychopharmaka kann gravierende Auswirkungen haben und eine Vielzahl an schweren körperlichen und psychischen Symptomen verursachen, die oft monatelang, teilweise sogar jahrelang auftreten.
Entzugs-begleitenden Institutionen berichten, dass der Entzug in manchen Fällen sogar zum Suizid führt.
Kinder bekommen immer häufiger Medikamente
Innerhalb der Industrieländer steigt die Anwendung von Psychopharmaka bei Kindern und jungen Erwachsenen rapide an.
Der potenzielle Schaden, den solche Medikamente bei einer Langzeiteinnahme auf das heranwachsende Gehirn haben könnten, wurde bislang noch nicht ausreichend untersucht. Außerdem gibt es mittlerweile Hinweise, dass der steigende Gebrauch von Psychopharmaka in dieser Altersgruppe später zu schlechteren Langzeitergebnissen führen kann.
Der Regulierungsapparat wird von der Industrie finanziert
* Hier folgt eine Beschreibung des britischen Regulierungsapparates (MHRA), welcher gänzlich von der Pharmaindustrie finanziert wird *
Dieser Punkt ist somit nicht eins zu eins in den deutschsprachigen Raum übertragbar.
Interessenskonflikte
Die Verbindungen zwischen Ärzten und der pharmazeutischer Industrie sind vor allem in der Psychiatrie weit verbreitet.
Manipulation und Unterschlagung von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen
Die Mehrzahl der klinischen Studien (über Psychopharmaka) wird von der Pharmaindustrie durchgeführt/finanziert oder von Instanzen, welche eng mit ihr verwoben sind.
Diese Industrie hat eine lange Vorgeschichte in Hinblick auf die Manipulation von Forschungsergebnissen: Negative Ergebnisse wurden in der Vergangenheit geheim gehalten, während Positive besonders hervorgehoben wurden.
Das Konsil für evidenzbasierte Psychiatrie
Auf der Homepage des Konsils für evidenzbasierte Psychiatrie kann man zu jedem dieser Punkte auch Details nachlesen (englischsprachig).
Außerdem finden sich auf der Seite kostenlose Videos, die eine Unterstützung für Betroffene darstellen können.
Themen, die in den Expertenvideos behandelt werden, sind:
- Unterstützung beim Absetzen von Psychopharmaka und Ratschläge zum Absetzsyndrom
- Erfolgsgeschichten von Betroffenen
Die häufigsten Missverständnisse über Antidepressiva
Eine weitere Liste mit Fakten über Antidepressiva findet sich auf der deutschsprachigen Seite Depression-heute.
Die Liste beschreibt folgende Missverständnisse über diese Medikamentengruppe:
- Das biochemische Gleichgewicht
- Antidepressiva wirken gegen Depressionen
- Antidepressiva machen nicht abhängig
- Antidepressiva senken das Suizidrisiko
- Antidepressiva verändern die Persönlichkeit nicht
- Antidepressiva erhalten die Arbeitsfähigkeit
- Antidepressiva haben kaum Nebenwirkungen
- Studien beweisen die Wirksamkeit von Antidepressiva
- Antidepressiva mit Psychotherapie wirkt am besten
- Die Diagnose Depression basiert auf Wissenschaft
- Leichte, mittelschwere und schwere Depressionen
- Die richtige Diagnose für das passende Antidepressivum
- Serotonin ist ein Glückshormon
- Serotonin wirkt im Kopf (Gehirn)
- Medikamentenhersteller wollen Patienten helfen
- Dauertherapie schützt vor Rückfällen
Danke, sehr aufschlussreich!
Ich empfehle in diesem Zusammenhang Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst. Er beschreibt aus einer soziologischen Perspektive die Geschichte der Psychatrie seit Freud und Janet. Er schildert das anhand zwei verschiedenen Krankheitsmodellen – einerseits das Konfliktmodell (Freud), bei dem ein innerpsychischer Konflikt Symptome hervorruft, andererseits das Defizitmodell (Janet), wonach das Symptom ein Defekt darstellt, der repariert werden kann. Es geht um das Verschwinden der Neurose, die Karriere der Depression, die Ausbreitung der Sucht und wie das alles zusammenhängt.
Vielen Dank für den Tipp!