Wieso spricht niemand darüber?

Robert Whitakers Buch „Anatomy of an Epidemic“ sollte für klinische Experten eine Pflichtlektüre zum Einsatz von Psychopharmaka sein. Für mich zählt es zu den Büchern, die auf der Universität eindeutig gefehlt haben.

Robert Whitaker ist amerikanischer Wissenschaftsjournalist und Autor, er gewann mit diesem Buch eine Auszeichnung für Aufdeckungsjournalismus.

Darin erklärt er die Zusammenhänge zwischen dem Dauerkonsum von Psychopharmaka und den steigenden Zahlen der Arbeitsunfähigkeit aufgrund von psychischen Erkrankungen.

Die Hauptfragestellung, die er untersucht, lautet:

Wieso steigen die Zahlen von psychischen Erkrankungen (und ebenso die Zahlen der Arbeitsunfähigkeit aufgrund dieser Erkrankungen), wenn es doch mittlerweile moderne und komplikationsfreie Medikamente gibt?

Müssten seit dem Aufkommen von Psychopharmaka die Menschen nicht immer gesünder, statt kränker werden?

Welchen Nutzen hat die Behandlung mit Psychopharmaka, wenn die Betroffenen trotzdem so krank bleiben/werden, dass sie arbeitsunfähig sind?

Und wieso spricht niemand darüber?

Außerdem vergleicht er in dem Buch die Krankheitsverläufe von Personen, die nach Ausbruch einer psychischen Krise mit und ohne dem Einsatz von Psychopharmaka behandelt wurden und stellt die Ergebnisse einander gegenüber.

Mit diesem provozierenden Ansatz hat Whitaker regelmäßig mit Kritikern zu kämpfen.

Das Buch ist recht komplex und derzeit nur in englischer Sprache erhältlich, doch es zeigt anschaulich und anhand von vielen Belegen und Daten, dass der Langzeitkonsum von Psychopharmaka viele gesundheitliche Nachteile mit sich bringt. Das gilt für Benzodiazepine, Neuroleptika und Antidepressiva gleichermaßen.

Die Recherchen für das Buch bezogen sich auf den Zeitraum von 1987 bis 2007, in seinem neuesten Artikel (Disability and Mood Disorders in the Age of Prozac) auf „Mad in America“ (einer von Whitaker gegründeten, englischsprachigen Plattform zum Thema Kritik an der klassischen Psychiatrie) finden sich nun auch Daten für das Jahr 2013, die belegen: Die Situation verschlechtert sich weiterhin.

Die Zahl der Personen, die aufgrund von psychischen Krankheiten arbeitsunfähig sind, steigt rapide an, vor allem in Hinblick auf affektive Störungen (wie Depressionen). Und das nicht nur in den USA, sondern in England, Norwegen, Schweden, Dänemark, Deutschland, Australien sowie Neuseeland.

Begonnen hat dieser rapide Anstieg im Jahr 1988 – zeitgleich mit der Markteinführung von Prozac, dem ersten Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (in Deutschland kam Prozac 1990 auf den Markt).

 

Es wäre schön, wenn es ein Medikament gäbe, welches effektiv gegen psychische Probleme hilft, keine Nebenwirkungen hat und welches man problemlos für einen langen Zeitraum einnehmen kann, wenn es sein muss. 

Solch ein Medikament würde tausenden Menschen auf sehr schnelle Art und Weise helfen und viel Leid ersparen. Leider existiert ein solches Medikament bis heute nicht.

Und es ist für die Betroffenen fatal, wenn sich Experten auf diesem Gebiet nicht weiterbilden und die neuesten Erkenntnisse ignorieren, denn dann werden die heute erhältlichen Medikamente vorschnell als etwas verkauft, was sie nicht sind.

Und mögliche Nebenwirkungen oder Absetzerscheinungen werden als psychische Krankheit diagnostiziert.

Die Informationen aus diesem Buch können eine Erleichterung für Personen darstellen, welche Psychopharmaka nicht nehmen möchten, diese schlecht vertragen oder das Gefühl haben, dass sich ihr Zustand seit der Einnahme kontinuierlich verschlechtert.

Bei diesem Themengebiet hat meiner Meinung nach „Schwarz-Weiß-Denken“ jedoch absolut keinen Platz.

Es gibt durchaus Personen, für deren Leben eine solche Behandlung eine Bereicherung und Hilfe darstellt.

Es ist nur entscheidend, vorsichtig zu sein, seine Blutwerte regelmäßig überprüfen zu lassen und irgendwann (langsam und nur mit professioneller Hilfe!) auch an das Ausschleichen der Medikamente zu denken.

Ebenso sollte jeder Patient umfassend über Vor- und Nachteile der Medikation aufgeklärt werden – und hierzu zählen nun einmal auch die Risiken.

Fazit:
  • Buch für Anfänger eher kompliziert, viele Fachwörter und nur auf Englisch erhältlich.
  • Für Experten auf jeden Fall empfehlenswert!
  • Sehr informativ und durch viele Quellen und wissenschaftliche Studien belegt.

Wenn du Interesse an dem Buch hast, hier der Link zu Amazon: Anatomy of an Epidemic.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Bild neuladen

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: